x+viele oder Dinge die die Welt nicht braucht

Wir machen einen Ausflug auf den Vulkan Irazú. Eintritt für Ausländer 15$, für Einheimische 5$, ich muss sagen, ich fühle mich etwas diskriminiert. Angekommen sieht man die Hand vor Augen nicht, Nebel,12 Grad und leichter Nieselregen. Bestes Wetter für ein Picknick. Nicht.  Durch die Nebelschwaden stapfen wir auf dem Vulkan rum. Mario erzählt uns was wir sehen würden, wenn man etwas sehen könnte und wir schauen uns die Bilder dazu auf dem Smartphone an. Rundherum sind alle damit beschäftigt sich oder andere vor der weißen Nebelwand zu fotografieren und ich sehe die wohl bescheuertste Sache der Welt: einen Selfie-mach-Verlängerunsarm-Halter. Während der Nasenbär, welcher urplötzlich vor uns erscheint,  alle Ticos in gnadenlose Verzückung verzetzt bin ich noch immer überwältigt von der Nutzlosigkeit dieser unglaublich bescheuerten Erfindung.

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(Das Bild ist geborgt. Das Akku meines Handys war leider leer und so konnte ich keine Bilder machen. Weder von mir selbst, noch von dem sich mir bietenden Naturspekatakel in weiss. Ungefähr haargenauso sah jedoch mein Ausblick aus.)

So hätte er ausgesehen, wenn man etwas hätte sehen können.

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x+51 und warum ich eigentlich hier bin

„Sind Menschenrechte nicht absoluter Quatsch?“ fragte mich mein Mitbewohner zur Begrüßung, nachdem ich erwähnte, dass ich in diesem Bereich arbeite. Eine Frage, die ich mir selbst bereits stellte.

Dafür zu sorgen, dass Menschenrechte nicht nur auf dem Papier bestehen, sondern jedem Menschen auch tatsächlich gewährleistet werden, ist Aufgabe eines jeden Staates. Man muss  jedoch nur einen Blick in die Zeitung werfen und schon wird deutlich, dass täglich die Rechte tausender Menschen nicht nur nicht gewährleistet, sondern missachtet oder gar bewusst verletzt werden. Ist dieses Menschenrechtsgerede also nicht vollkommen sinnlos, wenn der Staat sowieso machen kann, was er will?

In Lateinamerika wird mehr als der Hälfte der Menschen ihr Recht auf Zugang zur Justiz verwehrt. Ohne unabhängige Richter, ein faires Verfahren und freien Zugang zu Gerichten bleibt der Bevölkerung kaum eine Möglichkeit, sich gegen den Staat wehren. Sind Menschenrechte deswegen nichts weiter als heiße Luft, „Gutmenschengerede“?

Vielleicht.

Vielleicht aber auch nicht.

Ist der Staat nicht fähig oder willens, seine Bürger zu schützen, bedeutet dies nicht, dass es keine Menschenrechte gibt. Ich glaube fest daran, dass jeder Mensch unabhängig von den Umständen in die sie hinein geboren wird, Rechte hat: das Recht auf ein Leben in Sicherheit, das Recht mitzubestimmen, das Recht auf Eigentum und auf Bildung, das Recht auf Gleichberechtigung, das Recht frei von Gewalt zu leben, das Recht auf Zugang zur Justiz und zu „Gerechtigtkeit“.

Ich bin auch der Meinung, dass es unsere Aufgabe  ist dafür zu sorgen, dass sie eingehalten werden. Wir haben, zumindest doch mit unserer Stimme, dafür zu sorgen, dass keine Regierung sie unbemerkt brechen, vergessen oder umschiffen kann. Nicht Deutschland, nicht die EU und auch kein anderer Staat der Welt. Nicht vor unserer Haustür, nicht im Mittelmeer, nicht auf der anderen Seite des Kontinents.

Vom Sofa aus gestaltet sich das beizeiten etwas schwierig.

x+50 und nichts weiter

“Life should not be a journey to the grave with the intention of arriving safely in a pretty and well preserved body, but rather to skid in broadside in a cloud of smoke, thoroughly used up, totally worn out, and loudly proclaiming “Wow! What a Ride!”.

Hunter S. Thomson

x+oder auf der Suche nach dem PURA VIDA

Eine typische Tico-Konversation läuft gerne wie folgt ab :
„Mae, todo bien?“
„Todo bien, mae! Todo bien?“
„Mae, todo bien! Pura vida!“
„Pura vida, mae“.

Was genau es mit dem PURA VIDA („pures Leben“), dem Leit- und Werbespruch Costa Ricas  auf sich hat, ist in San José manchmal nur schwerlich zu verstehen. Auch dass die Ticos die vermeintlich glücklichsten Menschen sind, wage ich, wo ich hier in der Hauptstadt lebe, sehr zu bezweifeln. Um 6 wird es dunkel, das bedeutet, man geht nach Hause. Immer. Hochgeklappte Bürgersteige soweit das Auge reicht (was nicht bedeutet, dass der Verkehr weniger wird). Abgase, Lärm, Hektik. Spätestens um neun ist dann aber auch wirklich gar keiner mehr unterwegs. Und das nicht, weil es etwa gefährlich wäre. Die Ticos sind anscheinend einfach gerne zu Hause. So hatte ich mir das irgendwie nicht vorgestellt. Wenig Kunst, wenig Musik, wenig Schönes und das Wildeste hier ist der Verkehr. Wo ist denn nun das PURA VIDA von dem ständig alle sprechen?

Als ich die Suche nach dem PURA VIDA fast aufgegeben habe beschliessen wir nach Puerto Viejo zu fahren, eine kleine Stadt an der Karibikküste Costa Ricas. Plötzlich, unverhofft und dafür umso intensiver liegt es auf einmal vor uns: das pure Leben.

Puerto Viejo ist einer der schönsten Orte an denen ich bisher war. Das kleine Dorf, das hauptsächlich vom Tourismus lebt, begrüsst uns bei unserer nächtlichen Ankunft verschlafen mit entfernten Reaggeklaengen und warmem Regen. Das Hostel in dem wir unterkommen bietet Backpackern aus der ganzen Welt Unterkunft. Alles ist liebevoll mit Mosaiksteinchen gepflastert und der Ort hat trotz der Vielzahl an Hängematten, Zelten und Betten etwas Ruhiges und Entspanntes. Den Morgen beginnen wir mit einem Teller „Gallo Pinto“, dem typischen costa-ricanischen Frühstück bestehend aus Reis, Bohnen und Ei oder Käse. Anders als an der Pazifikküste wird der Reis hier mit Kokos und Chili zubereitet. Mit Fahrrädern  machen wir uns dann, begleitet von wunderschöner Natur, auf den Weg, das Meer zu suchen. Was wir finden, sind einsame kleine Strände, Palmen und blaues Wasser. Hier und dort sind ein paar Surfer zu sehen doch ansonsten ist es ruhig, kaum Menschen, einfach nur Stille, ab und an begleitet von lateinamerikanischer Musik, die leise aus einer der kleinen Bars zum Strand weht. Das Meeresrauschen im Ohr und die Sonne auf der Haut: ich habe das pure Leben gefunden und lasse es nach drei Tagen nur ungern zurück.